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Bremer Übersee-Museum untersucht Herkunft von Bronze-Kunstwerken

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Von: Thomas Kuzaj

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Raubgut oder nicht? Benin-Bronzen im Bremer Übersee-Museum kamen möglicherweise durch britische Soldaten nach Europa.
Raubgut oder nicht? Benin-Bronzen im Bremer Übersee-Museum kamen möglicherweise durch britische Soldaten nach Europa. © Übersee-Museum/Haase

Bremen – Woher stammen die Exponate eigentlich? Sind sie auf eine legale, ethisch vertretbare Weise ins Museum gekommen? Fragen wie diese werden heute häufig gestellt, gerade bei Museen mit völker- und handelskundlichen Sammlungen. Bei Häusern wie dem Bremer Übersee-Museum also. Aktuelles Beispiel hier ist ein Forschungsprojekt zur Herkunftsgeschichte von Bronzen aus dem afrikanischen Benin.

Das Königreich Benin galt über Jahrhunderte als eines der stärksten Staatengebilde Westafrikas – bis die „Kolonialherren“ kamen. In vorkolonialer Zeit waren Architektur und Künste wie Bronzearbeiten in dem Königreich zu großer Vollendung gediehen. Dann wurde die Hauptstadt Benin-City von britischen Truppen erobert – 1897 war das, gezielt und im Rahmen einer Strafexpedition, sprich: eines militärischen Feldzugs.

Anschließend wurde das Reich Benin in das damalige britischen Protektorat Nigeria eingefügt. Und es wurde geplündert, viele Benin-Bronzen etwa landeten wenig später in britischen und deutschen Museen. Die Arbeiten begeisterten europäische Kunstexperten – und sie beeinflussten Kunstrichtungen wie Kubismus und Expressionismus.

18 Benin-Objekte im Bremer Übersee-Museum

Heute ist das Gebiet des einstigen Königreichs in den Staat Nigeria integriert. Und europäische Museen beginnen, sich mit der Geschichte ihrer Benin-Exponate zu beschäftigen. Mehr als 1 .000 Benin-Bronzen befinden sich in deutschen Museen. Das Bremer Übersee-Museum hat insgesamt 18 Objekte aus dem Königreich. Drei Gedenkköpfe zum Beispiel sind in der Afrika-Ausstellung, ein Zeremonialstab ist in der Ausstellung „Spurensuche – Geschichte eines Museums“ zu sehen; weitere sieben Fragmente werden im Schaumagazin „Übermaxx“ präsentiert.

Das durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste geförderte und auf sechs Monate angelegte Projekt „Recherche zur Provenienz von 18 Objekten aus Benin“ hat nun zum Ziel, „Provenienzketten zu dokumentieren, mögliche Unrechtskontexte offenzulegen und so den Weg für potentielle Rückgaben nach Nigeria zu ebnen“, so eine Sprecherin. Die Projektergebnisse, die die Historiker Dr. Jan Christoph Greim und Henrike Schmidt erarbeiten, werden zudem in der zentralen Datenbank der Initiative „Digital Benin“ öffentlich zugänglich gemacht.

Jan Christoph Greim koordiniert das Benin-Rechercheprojekt im Übersee-Museum.
Jan Christoph Greim koordiniert das Benin-Rechercheprojekt im Übersee-Museum. © Übersee-Museum/Beinhorn

Die Provenienzforscherin Bettina von Briskorn machte schon in den 90er Jahren erste Recherchen zu den Objekten – und bezeichnet die Quellenlage als „schwierig“, denn: „Nicht alle Benin-Objekte, die heute in europäischen Museumssammlungen vertreten sind, müssen aus der britischen Strafexpedition von 1897 stammen. Vereinzelt gelangten möglicherweise bereits vorher Stücke außer Landes und nach dem Wiederaufleben der Kunst des Bronzegusses in Benin imitierte man auch historische Vorbilder.“ Greim sieht indes bei einigen der Bremer Objekte „klare Verdachtsmomente“, die auf Raubgut aus der Strafexpedition hinweisen. Bis zum 15. Mai 2022 soll alles grundlegend untersucht werden.

Auf „Spurensuche“ im eigenen Haus

Eben unter dem Titel „Spurensuche“ blickt das Übersee-Museum in einer Dauerausstellung ohnehin seit geraumer Zeit kritisch auf die ersten 100 Jahre seiner Geschichte: Provenienzforschung und Dekolonisierung, das sind hier die Stichworte. Wie, warum und unter welchen Umständen sind Sammlungsgegenstände ins Museum gekommen? Fragen wie diese stehen im Fokus. Nicht immer gibt es eindeutige Antworten auf diese Fragen, manchmal gar keine.

Das Museum ist in der Kolonialzeit gegründet worden. Die prägende Figur der ersten Jahrzehnte: Hugo Schauinsland (1857 bis 1937), Zoologe und Gründungsdirektor des Museums für Natur-, Völker- und Handelskunde. Viermal ist Schauinsland auf Schiffen der seinerzeit weltumspannend tätigen Bremer Reederei Norddeutscher Lloyd (NDL) um die Welt gereist – bei freier Fahrt, ohne belastende Frachtkosten. „Er hat unglaublich viel gekauft, die Netzwerke der Bremer Kaufmannschaft genutzt. Er galt als Großmeister des Feilschens. Aber er hat auch Grenzen überschritten in seiner Sammelleidenschaft“, so hat es Professorin Wiebke Ahrndt, Direktorin des Museums, einmal zusammengefasst.

Grenzen wurden beispielsweise bei der Ausgrabung von Maori- und Moriori-Gebeinen überschritten. Das geschah aus dem Geist der Zeit heraus. Aus der Sicht von heute aber ist es ein ethisch unvertretbarer Eingriff in die Bestattungskultur der betroffenen Völker gewesen. 2017 gab das Museum die Gebeine nach Neuseeland zurück.

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