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Nach Rassismus-Vorwürfen gegen Hochschule Bremen: Studenten-Protest geplant

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Von: Yannick Hanke, Bjarne Kommnick

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Eine Studentin erhebt schwere Rassismus-Vorwürfe gegen die Hochschule Bremen. Nun tritt sie an die Öffentlichkeit. Die Studenten wollen protestieren.

Update von Samstag, 28. Mai 2022, 12:12 Uhr: Bremen – Wegen Diskriminierungsvorwürfen gegen die Hochschule Bremen hat der Allgemeine Studentenausschuss (Asta) angekündigt, vor der Mensa am Neustadtswall protestieren zu wollen. Wie „buten un binnen“ berichtet, soll dies am Dienstag, 31. Mai 2022, geschehen.

Wegen Rassismus-Vorwürfen gegen Hochschule Bremen: Studenten wollen protestieren

„Es scheint ein Problem mit Rassismus und Diskriminierung an der Hochschule Bremen zu geben“, heißt es in einem Schreiben, das „buten un binnen“ vorliegen würde. In diesem wird eine klare Haltung eingenommen: „Wir als studentische Gremien wollen uns ganz klar gegen Rassismus, Diskriminierung und sonstige Ausgrenzung positionieren und solidarisieren uns mit den Betroffenen“.

Zu sehen ist das Logo der Hochschule Bremen in der Neustadt.
Die Hochschule Bremen sieht sich mit Rassismus-Vorwürfen konfrontiert. Der Asta kündigt nun einen Protest der Studenten vor der Mensa an. © Eckhard Stengel/imago

Die Studierenden der Hochschule Bremen fordern vom Rektorat konkret eine umfassende Aufklärung. Am Sonntag, 22. Mai, hatte eine Studentin ihre Vorwürfe via Instagram publik gemacht. In der Folge gab es zahlreiche Solidaritätskommentare. Die Hochschule in der Bremer Neustadt wiederum hatte erklärt, dass man die Vorwürfe überprüfen werde. Denn weder Rassismus noch Diskriminierung werde hier geduldet. Laut dem Asta würde es aber noch mehrere Beschwerden geben.

Rassismus-Vorwürfe gegen Hochschule Bremen: Studentin äußert sich auf Instagram

Erstmeldung von Montag, 23. Mai 2022, 18:27 Uhr: Bremen – Eine 21-jährige Studentin, deren Namen wir auf ihren Wunsch nicht nennen, erhebt schwere Rassismus-Vorwürfe gegen die Hochschule Bremen. Ihre Erfahrungen teilt sie nun in einem Beitrag auf Instagram. „Ich habe öfter versucht mich in einem Video zu diesem Fall zu äußern, ich bin noch nicht stark genug, daher verfasse ich das Geschehen über diesen Post“, schreibt sie auf ihrem Instagram-Profil.

Besonders ihre Religion steht bei den Rassismus-Vorwürfen im Fokus. Jetzt möchte sie verschleierten Frauen eine Stimme geben, die gleiche Erfahrungen machen mussten. Auch die Hochschule Bremen reagierte bereits auf die Vorwürfe.

UniversitätHochschule Bremen
Studentenzahl8.717
Gründung1982
SchulartÖffentliche Universität

Wohl Rassismus an Hochschule Bremen: Verschleierung wird für Studentin zum Verhängnis

Denn obwohl sie unter ihren Kommilitoninnen und Kommilitonen als einer der ersten die „schwersten“ Prüfungen ihres Studienganges bestanden hatte, droht ihr wegen einer Datenpanne der Hochschule nun scheinbar die Exmatrikulation. Doch statt Hilfe von der Hochschule Bremen erfährt die 21-Jährige wohl die reinste Tortur. Sie berichtet von rassistischen Äußerungen in Gesprächen mit offiziellen Stellen der Hochschule Bremen. Demnach habe sie ein „Schiedsrichter“ der Universität gefragt, „wie ich das erste Semester geschafft habe und ob meine Kommilitonen sich für mich gefreut haben, dass ich es als verschleierte Frau vor allen anderen geschafft habe“, berichtet die Studentin.

Das Hauptgebäude der Hochschule Bremen.
Eine Studentin der Hochschule Bremen äußert schwere Vorwürfe gegenüber der Universität. © imago

Die 21-Jährige erklärt: „Hinzukommend wollte er das Gespräch nur auf meine Religion lenken und fragte mich, ob es gestattet ist, mit einem männlichen Kommilitonen zu sprechen.“ Zudem habe der „Schiedsrichter“ ihr empfohlen, den Studiengang zu wechseln, da in anderen Bereichen weniger männliche Personen studieren würden. Als die Studentin dem „Schiedsrichter“ erklärte, dass er der einzige Ansprechpartner für das Problem sei, habe er erwidert, dass es wahrscheinlich an ihrer Verschleierung liege. Doch bereits zuvor erfuhr sie wohl eine Kette von Rückschlägen in ihrem persönlichen Kampf um Gerechtigkeit, der sogar in einem epileptischen Anfall endete. Doch was war vorher geschehen?

Rassismusvorwurf an der Hochschule Bremen: Studentin besteht „schwerste“ Prüfung – trotzdem droht Exmatrikulation

Wie die Aussagen des „Schiedsrichters“ vermuten lassen, wurden ihr wohl ihre Religion im Zusammenhang mit ihren guten Leistungen zum Verhängnis. Die Studentin, die nun den Rassismusvorwurf gegenüber der Hochschule Bremen erhebt, schreibt, dass sie sich derzeit im vierten Semester an der Hochschule Bremen befinden würde. Zu dem Zeitpunkt als sie zu studieren anfing, steckte Deutschland gerade mitten in der Corona-Krise, sodass die Lehrveranstaltungen allesamt Online ausgeführt wurden.

Sie entschied sich deshalb, „Thermodynamik“, eine der „schwersten“ Prüfungen in ihrem Studiengang, vorzuziehen und sich darauf eigenständig vorzubereiten, da sie noch andere Module aus dem ersten Semester offen gehabt habe und somit nicht an den regulären Prüfungen habe teilnehmen können.

Hochschule Bremen sendet zwei verschiedene Noten an Studentin nach bestandener Prüfung

Trotz eigener Vorbereitung habe sie die Prüfung dennoch erfolgreich bestanden. Wenige Tage danach habe sie eine E-Mail von der Hochschule erhalten, in der ihr gratuliert wurde, dass sie die Prüfung mit der Note 4,0 bestanden habe. Der Studentin sei daraufhin ein Stein vom Herzen gefallen, sodass sie sogar in Freudentränen ausgebrochen war. Doch dann wird es kurios: Wenige Tage später erhielt sie wohl erneut eine E-Mail der Hochschule Bremen, in der gestanden habe, dass sie die Prüfung mit einer Note von 2,0 bestanden hätte.

„Ich war verwirrt, wie jeder andere das mit Sicherheit auch gewesen wäre und habe mir Anregung von Kommilitonen beschafft, die mich anschließend dazu aufgefordert haben, dem Prüfungsamt zu geben“, sagt die Studentin. Darin sieht sie heute einen Fehler: „Die Unrichtigkeit lag darin, dass ich es tatsächlich tat, ich hätte aber vorher Rücksprache mit der Professorin halten sollen“, erklärt sie. Weil sie jedoch neu sei und nicht wusste, wie sie damit umgehen solle, habe sie sich auf die Ratschläge verlassen.

Prüfungsamt der Hochschule Bremen unterstellt Fälschung – Studentin bekommt „aufreizende und angriffslustige Worte“

Das Prüfungsamt habe sie darauf hin aufgefordert, Stellung zu nehmen. Sie habe sich kurzgefasst und das Problem beschrieben. „Ich habe mein Schreiben abgeschickt und bekamt ein paar Tage später darauf einen Anruf von der höheren Rechtsstelle.“ Doch der Anlass für das Telefonat war weniger erfreulich: „Ich kann mich noch so gut an ihre aufreizenden und angriffslustigen Worte erinnern. Sie fingen an zu lachen und erwiderten, sie wollen nicht wissen, was passiert ist, sondern warum ich das tat“.

Außerdem habe man ihr wohl gesagt, dass es äußerst ungewöhnlich sei, die Prüfung mit einer 2,0 zu bestehen und drohten ihr sogar mit der Exmatrikulation, weil das Prüfungsamt davon ausgegangen sei, dass sie die E-Mail gefälscht hätte. Demnach habe die 21-Jährige ihre Professorin imitiert, um eine bessere Bewertung zu erlangen.

„Meine Prüfung ist bestanden! Und ich habe Recht darauf“, erklärt sie gegenüber kreiszeitung.de. Seit den Anschuldigungen kämpft sie mit schweren gesundheitlichen Problemen. Trotzdem übte sie sich lange in Geduld. Erst als sie schließlich einen epileptischen Anfall hatte, ging sie mit ihren Erfahrungen an die Öffentlichkeit. „Meine Gesundheit steht an erster Stelle, denn hier ist auch ganz klar, die Würde eines Menschen ist unantastbar“.

Wegen Rassismusvorfall an der Hochschule Bremen: Anwalt verspricht Studentin Widerspruchs-Erfolg – dann hört sie nichts mehr von ihm

Ihre Eltern besorgten ihrer Tochter währenddessen Rechtsbeistand: „Der Anwalt hat mir versprochen, dass ich weder exmatrikuliert werden kann, noch diese E-Mails als Täuschungsversuch bewertet werden kann“. Ein Widerspruchsbescheid wurde jedoch abgelehnt. Von da an habe sie von ihrem Anwalt nichts mehr gehört. Stattdessen schrieb sie ihrer Professorin eine E-Mail. Ein persönliches Gespräch habe die Professorin jedoch nach Aussage der Studentin sofort abgelehnt.

Um zu beweisen, dass sie nicht geschummelt hat, bot sie sogar an, die Prüfung erneut zu schreiben. Eine Woche bevor die Prüfung anstand, habe man sie erst darüber informiert, dass sie daran teilnimmt, obwohl das Angebot bereits zwei Monate zuvor bereitet wurde. Deshalb wendete sie sich auch an die Vertrauensstelle der Hochschule Bremen.

Vertrauensstelle bestätigt bestandene Prüfung, hat aber kein Mitspracherecht

Dort bestätigte man ihr, dass sie die Prüfung grundsätzlich bestanden habe, jedoch kein großes Mitspracherecht hätte. Deshalb wurde sie zu einer Art „Schiedsrichter“ geschickt, mit dem Versprechen, dass sie dann unbeschwert weiterstudieren könne. Doch genau dieser „Schiedsrichter“ habe ihr ebenfalls ein persönliches Gespräch verwehrt und stattdessen eine Handynummer geschickt.

Als er beim zweiten Versuch an das Telefon gegangen war, habe er sie direkt mit ihrem vollständigen Namen angesprochen und für die Verzögerung entschuldigt. Als die 21-Jährige ihm das Problem erklären wollte, habe der „Schiedsrichter“ sie unterbrochen und neben den vielen rassistischen Äußerungen über ihre Religion auch erklärt, dass er über die Situation bestens informiert sei. Am Ende des Gespräches soll er zudem noch gesagt haben: „Verbrennen Sie sich nicht nochmal die Füße, sonst stürzt das Flugzeug ab, denn sie stehen auf der Roten Liste“, soll er wohl zu ihr gesagt haben.

Die Gesundheit der Studentin habe unter der Tortur stark gelitten. Sie berichtet von „Sechs Monaten Depressionen, nur im Zimmer eingeschlossen, bis zu 15 Kilogramm abgenommen und in der Woche bis zu fünf Hyperventilationen“. Und dann kam es noch schlimmer. „Und gestern kam die endgültige Prognose zu einem krankhaften epileptischen Anfall“, erklärte sie auf Instagram.

Social Media reagiert auf Rassismus-Vorwürfe an Hochschule Bremen: „Ich bin kein Einzelfall“

Auch das Netz reagiert auf den Post. Gegenüber kreiszeitung.de sagt die Studentin: „Bisher haben sich unglaublich viele Studierende mit Migrationshintergrund bei mir gemeldet, denen dasselbe widerfahren ist.“ Sie ergänzt: „Selbst die Namen der Profs wurden erkannt, ohne sie überhaupt benannt zu haben. Das heißt ganz klar, ich bin kein Einzelfall.“

Sie möchte jedoch auch betonen, dass sie mit den Rassismus-Vorwürfen gegen die Hochschule Bremen nicht pauschalisieren wollen, denn sie habe auch Dozentinnen und Dozenten in ihrer Studienzeit gehabt, mit denen sie äußert positive Erfahrungen gemacht habe. Trotzdem wirft sich nun dieser riesiger Schatten über ihre Zeit an der Hochschule Bremen. „Nur weil wenige von vielen anderen aus der Reihe tanzen, heißt es noch lange nicht, dass die Hochschule Bremen keine Dozenten und Professoren hat, die tolle Arbeit leisten“.

Hochschule Bremen reagiert auf Rassismus-Vorwürfe

Die Hochschule Bremen hat bereits auf die Vorwürfe reagiert. Gegenüber kreiszeitung.de erklärte die Leitung: „Das Rektorat nimmt diese Vorwürfe sehr ernst und bittet Personen, die sich betroffen sehen, sich mit konkreten Vorfällen zu melden, damit diese unverzüglich aufgeklärt werden können.“ Den Vorwurf, dass eine Studentin aufgrund ihres Kopftuches diskriminierend behandelt worden sei, könne die Hochschule nicht bestätigen, da es dafür keine Belege dafür gebe, dass die Situation so stattgefunden habe. Die Hochschule habe jedoch eine umfassende Sachaufklärung eingeleitet.

„Für Diskriminierungsfälle gibt es eine Beschwerdestelle nach Paragraph 13 des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes an der HSB, die in der Rechtsstelle angesiedelt ist. Alle, die unsicher sind, ob sie eine offizielle Beschwerde einreichen wollen, könnten sich zudem an die Bremer „Arbeitsstelle gegen Diskriminierung und Gewalt (ADE)“ wenden“, erklärt die Hochschule Bremen. Die ADE biete vertrauliche Beratungen zum Umgang mit Diskriminierungen, Konflikten und Gewalt an. Dieses Angebot stehe allen Angehörigen der bremischen Hochschulen offen.

„Die Hochschule Bremen stellt sich entschieden gegen jegliche Art der Diskriminierung. Wir stehen für ein tolerantes Miteinander, für gemeinsames Lernen und Arbeiten ohne Vorurteile“ Demnach sollen sich alle Menschen ungeachtet ihres Aussehens, ihrer ethnischen Herkunft, ihres Geschlechtes, ihrer Religion, Weltanschauung, Behinderungen, Alters oder der sexuellen Identität an der Hochschule Bremen frei entfalten können. „Verhalten, das diesen Werten entgegensteht, dulden wir kategorisch nicht. Dies gilt für alle Hochschulmitglieder: für Studierende sowie für Lehrende, Forschende und Verwaltungsbeschäftigte.“

Hochschule Bremen meldet sich auch auf Instagram

Zuvor äußerte sich die Hochschule Bremen öffentlich auf Instagram: „Aktuell wird der Hochschule Bremen von einer Studierenden via Instagram vorgeworfen, dass sie mit rassistischen beziehungsweise islamfeindlichen Äußerungen konfrontiert wurde. Wir nehmen diese Vorwürfe sehr ernst und arbeiten mit Hochdruck an der Aufklärung des Sachverhalts.“

Zudem schreibt das Rektorat der Hochschule: „Hierzu ist ab sofort auch die entsprechende Beschwerdestelle an der HSB mit eingeschaltet, der dieser Vorwurf allerdings bisher noch nicht vorlag. Die Beschwerdestelle an der HSB nach dem Allgemeinen Gleichstellungsgesetz ist die erste Anlaufstelle für den Fall, dass sich Personen von Diskriminierung betroffen sehen.“

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