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Polarstern: Forscher entdecken 60 Millionen Eisfisch-Nester unter der Antarktis

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Von: Andree Wächter

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Im Süden des antarktischen Weddellmeers hat ein AWI-Forschungsteam das weltweit größte bislang bekannte Fischbrutgebiet gefunden.

Bremerhaven. Es gibt sie noch, die Meldung, dass Forscher auf der Erde etwas entdeckt haben. Solche Meldungen kennt man sonst fast nur noch aus dem Weltraum über Asteroiden. Forscher des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) haben in 535 bis 420 Metern Wassertiefe Millionen Nester von Eisfischen der Art „Neopagetopsis ionah“ entdeckt. Die Fische dienen als Futter für Robben. Ihre Ergebnisse veröffentlichen Autun Purser vom Alfred-Wegener-Institut und sein Team in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Current Biology.

AWI StandortBremerhaven
Mitarbeiterrund 900
Ausstatungdrei Forschungsschiffe, ein Polarflugzeug
Gründung1980

Schiff Polarstern: AWI-Forschungsteam entdeckt Eisfische

Die Freude war groß, als Forschende im Februar 2021 auf den Monitoren an Bord des Forschungsschiffs Polarstern unzählige Fischnester sahen. Die Aufnahmen machte ihr geschlepptes Kamerasystem vom Meeresboden in 535 bis 420 Metern Wassertiefe des antarktischen Weddellmeeres live an Bord übermittelte. Dies schreibt das AWI in einer Mitteilung.

Je länger der Einsatz dauerte, desto mehr wuchs die Begeisterung bei den Forschern und endete schließlich in Ungläubigkeit: Nest reihte sich an Nest. Die spätere genaue Auswertung zeigte, dass es durchschnittlich eine Brutstätte pro drei Quadratmeter gab, maximal fand das Team sogar ein bis zwei aktive Nester pro Quadratmeter.

Eine mit einem Sender ausgestattete Weddellrobbe in der Antarktis.
Eine mit einem Sender ausgestattete Weddellrobbe in der Antarktis. © Mia Wege

Die Kartierung des Gebietes lässt auf eine Gesamtausdehnung von 240 Quadratkilometern schließen, das entspricht ungefähr der Größe der Insel Malta. Hochgerechnet auf diese Gebietsgröße ergibt sich eine geschätzte Gesamtzahl von etwa 60 Millionen Fischnestern. „Die Vorstellung, dass ein solch riesiges Brutgebiet von Eisfischen im Weddellmeer bisher unentdeckt war, ist total faszinierend“, sagt Dr. Autun Purser, Tiefseebiologe am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) und Hauptautor der aktuellen Veröffentlichung. 

Dieses riesige Brutgebiet ist mit seiner Biomasse ein äußerst wichtiges Ökosystem für das Weddellmeer und nach aktuellem Stand der Forschung wahrscheinlich die räumlich umfangreichste zusammenhängende Fischbrutkolonie, die bisher weltweit entdeckt wurde, berichten die Experten in der Veröffentlichung in Current Biology. Bislang konnten dort nur einzelne Neopagetopsis ionah oder kleinere Ansammlungen von deren Nestern nachgewiesen werden.

Polarstern: Robben fressen Eisfische in der Antarktis

Mithilfe besenderter Robben gelang es außerdem nachzuweisen, dass die Region auch ein beliebtes Ziel von Weddellrobben ist. 90 Prozent der Robben-Tauchaktivitäten fanden in der Region aktiver Fischnester statt, wo sie vermutlich auf Nahrungssuche gingen. Kein Wunder, kalkulieren die Forschenden die Biomasse der Eisfischkolonie dort auf 60 Tausend Tonnen. In Niedersachsen ist die Kegelrobbe bekannter.

Die Entdeckung der Nester von Eisfischen haben die AWI-Forscher einem speziellen Kamerasystem zu verdanken. Es fotografierte und filmte die Nester von Eisfischen am Meeresboden. Die Dichte Größe des gesamten Brutgebiets lassen auf eine Gesamtzahl von etwa 60 Millionen Eisfischen schließen, die während der Untersuchungen dort nisteten.

Anhand der Aufnahmen konnte das Team die runden, etwa 15 Zentimeter tiefen und 75 Zentimeter im Durchmesser großen Fischnester eindeutig identifizieren. Sie hoben sich durch eine runde zentrale Fläche aus kleinen Steinen vom ansonsten schlammigen Meeresboden ab.

Ein Forschungsteam des Alfred-Wegener-Instituts hat am Grund des südlichen antarktischen Weddellmeeres mehr als 10.000 Nester des Eisfisches Neopagetopsis ionah mit einem Kamerasystem aufgezeichnet.
Ein Forschungsteam des Alfred-Wegener-Instituts hat am Grund des südlichen antarktischen Weddellmeeres mehr als 10.000 Nester des Eisfisches Neopagetopsis ionah mit einem Kamerasystem aufgezeichnet. © PS124, AWI OFOBS team

Es wurde zwischen mehreren Arten von Fischnestern unterschieden. Aktive Nester, in denen zwischen 1500 und 2500 Eier lagen und die in dreiviertel der Fälle ein erwachsener Eisfisch bewachte oder, die unbewachte Eier enthielten. Außerdem gab es ungenutzte Nester, in deren Nähe entweder nur ein Fisch ohne Eier zu sehen war oder ein toter Fisch.

Für AWI-Direktorin und Tiefseebiologin Prof. Antje Boetius ist die aktuelle Studie ein Zeichen dafür, wie dringend die Einrichtung von Meeresschutzgebieten in der Antarktis ist. Sie zeigt, wie wichtig es ist, unbekannte Ökosysteme untersuchen zu können, bevor wir sie stören. Wenn man bedenkt, wie wenig wir über das Leben im antarktischen Weddellmeer wissen, unterstreicht dies um so mehr die Notwendigkeit internationaler Bemühungen, ein Meeresschutzgebiet (MPA) einzurichten. *kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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