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Wende im Mordprozess? Mutter gesteht: „Das war nicht mein Sohn“

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Von: Ralf Sussek

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Der wegen Mordes angeklagte Mann (Mitte) und seine Verteidiger Dr. Helmut Pollähne (links) und Thomas Domanski beim Prozessauftakt vor dem Landgericht Bremen.
Der wegen Mordes angeklagte Mann (Mitte) und seine Verteidiger Dr. Helmut Pollähne (links) und Thomas Domanski beim Prozessauftakt vor dem Landgericht Bremen. © Sussek

Im Mordprozess um die zerstückelte Leiche einer Frau in Bremerhaven hat es am Mittwoch vor dem Landgericht Bremen eine Überraschung gegeben: Die Mutter des Angeklagten will ihre Schwiegertochter umgebracht haben.

Bremen – Spektakuläre Wendung im Prozess gegen einen 46-jährigen Mann aus Bremerhaven? „Das habe ich gemacht, das war nicht mein Sohn“, sagt die Mutter des Angeklagten am Mittwoch vor dem Bremer Landgericht, „leider, das ist meine Tat.“ Die Prozessbeteiligten sind baff, verbergen ihre Überraschung hinter ihrer Professionalität. „Mein Sohn hat so lange geschwiegen, bis ich das sage.“

Die 66-Jährige ist mit ihrem Zeugenbeistand erschienen, wurde vom Vorsitzenden Richter belehrt, dass sie die Aussage verweigern könne. Doch es sprudelt aus ihr heraus: „Es ist schlimm, so schlimm, mit dieser Schuld zu leben. Ich muss das sagen, ich kann nicht so weiterleben.“

Mordfall Ekaterina: Leiche zerteilt und in einen Koffer gepackt

Ihr 46-jähriger Sohn, geboren in Kasachstan, ist angeklagt, seine Ehefrau Ekaterina erwürgt und später ihre Leiche zerteilt zu haben. Mit Ausnahme eines Oberschenkels wurden die Leichenteile in einen großen Koffer gepackt und in einen Fluss geworfen. Rund vier Wochen später wurde der Koffer in der Nähe des „Sail-City“-Hotels in Bremerhaven angetrieben.

Und nun sitzt hier die Mutter, die genau diesen Tatverlauf einräumt. Auf einen Anruf ihres Sohnes hin, dass es ihm körperlich schlecht gehe, sei sie mitten in der Nacht mit einem Taxi (einen Führerschein hat die Frau nicht) zum Haus ihres Sohnes gefahren, schildert sie ihre Version der Ereignisse. Mit dem ihr überlassenen Schlüssel habe sie die Schwiegertochter, wohl von einem Schlafmittel benommen, auf dem Sofa vorgefunden. Ohne vorher nach dem Sohn im Schlafzimmer zu sehen, wollte sie Ekaterina wecken, um zu erfahren, was die beiden am Abend zuvor gegessen und getrunken hatten. Die Mutter vermutete, dass dies der Grund für seinen Zustand war.

„Warum geht es Walter schlecht, hast Du ihm etwas gegeben?“, habe sie gefragt. Ekaterina habe schlaftrunken etwas gemurmelt, sich weggedreht und dabei die Schwiegermutter im Gesicht getroffen, so erzählt es die 66-Jährige vor Gericht.

„Sie hat mich mit der Hand ins Gesicht geschlagen“, sagt die Zeugin an anderer Stelle. Wie es dazu kam, dass sie nun ihre Schwiegertochter daraufhin würgte, bis diese sich nicht mehr regte – dafür hat sie keine Erklärung, daran hat sie keine Erinnerung. Sie will die Tote danach auf einem Bettbezug über die Terrasse in die Garage gezogen haben, ratlos, wartend und weinend die Nacht im Wohnzimmer, in der Garage verbracht haben. „Sie war noch so warm“, sagt die 66-Jährige über ihre tote Schwiegertochter.

In diesen Stunden sei der Entschluss gereift: „Sie muss weg.“ Als der Sohn und die Enkelin am Nachmittag einen mehrstündigen Ausflug machten, zerteilte sie, so ihre Aussage, die Leiche in der Garage mittels zweier Küchenmesser. „Die Hand, den Arm, unterm Knie, Oberschenkel, dann oben“ – die Reihenfolge weiß die Mutter des Angeklagten auf Nachfrage des Vorsitzenden noch. Ihr Sohn hört all dies am Mittwoch nur; er hat den Kopf in seinen Armen vergraben und weint.

Mordprozess in Bremen: „Er hat nichts gesagt, nur geweint“

Als sie sich ihm Stunden später offenbart und den Koffer geöffnet habe, fragte er laut Zeugin nur: „Was ist das? Ist das Katja?“ Dann sei er auf dem Boden zusammengesunken. „Er hat nichts gesagt, nur geweint“, beschreibt die Mutter die Szene. Anschließend habe sie ihn um Hilfe gebeten. Wohin mit dem für sie zu schweren Koffer? „Irgendwo ins Wasser“, habe der Sohn gesagt. Sie warfen ihn in von einer Brücke in die Geeste, sagt sie aus.

Das Gericht muss nun den Wahrheitsgehalt dieses mutmaßlichen Geständnisses prüfen. Warum legt die Frau es gerade jetzt ab, nachdem, so die Staatsanwaltschaft, ihr Sohn sie in Briefen um Hilfe gebeten hat („Du musst mich retten“)? Und wieso wurde im Browserverlauf des Smartphones des Angeklagten die Anfrage „Wie löst man Leiche auf?“ gefunden, wenn er mit dem Tod nichts zu tun hat? Er soll auch die Anfrage „Benzodiazepine ohne Rezept“ gestellt haben. Die Staatsanwaltschaft geht in der Anklage davon aus, dass das Opfer zunächst mit Schlafmittel wehrlos gemacht und anschließend erwürgt wurde.

Mordprozess in Bremen: Nach dem Geständnis der Mutter bleiben Fragen

Diese Indizien konnten durch das Geständnis der Mutter nicht entkräftet werden. Und es bleiben Fragen. Wie konnte die kleine, untersetzte Frau einen leblosen Körper in die Garage verfrachten, innerhalb von vier Stunden mit Küchenmessern zerteilen, sorgfältig verpacken, den Torso in den Koffer packen und alle Spuren beseitigen? Der Prozess wird am Dienstag, 18. Oktober, fortgesetzt.

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