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Locker Radfahren: Bremerin entwickelt bewegliches Sattelgelenk

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Von: Martin Kowalewski

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Erfinderin Iris-Sabine Langstädtler steht hinter sechs Prototypen, die die Entwicklungsgeschichte der „Freibeik“-Gelenks zeigen. Der älteste ist links zu sehen, nach rechts werden die Sattelgelenke neuer.
Erfinderin Iris-Sabine Langstädtler steht hinter sechs Prototypen, die die Entwicklungsgeschichte der „Freibeik“-Gelenks zeigen. Der älteste ist links zu sehen, nach rechts werden die Sattelgelenke neuer. © Kowalewski

Eine Bremerin hat ein bewegliches Sattelgelenk zum schonenden Radfahren entwickelt und damit bei der „Höhle der Löwen“ gepunktet. Der ist jetzt auf dem Markt, eine neue Version soll im nächsten Frühjahr herauskommen.

Bremen – Viele Radler kennen das: Nach einer langen Strecke auf dem Fahrrad schmerzen etwa der Po oder auch der Rücken. Tüftlerin Iris-Sabine Langstädtler (59) will Abhilfe schaffen mit dem „Freibeik“-Gelenk, einem beweglichen Sattelgelenk. Das hat sie erfolgreich in der TV-Sendung „Höhle der Löwen“ präsentiert.

Erfinderin Langstädtler erklärt das Problem: „Beim Radfahren machen wir mit dem Körper eine Bewegung in Form einer runden Acht, ähnlich der natürlichen Gehbewegung.“ Doch leider sind Fahrradsattel bislang starr. „Der Sattel blockiert die Acht“, so die Bremerin. Die Pobacken – genauer gesagt, die Sitzbeinhöcker – drücken abwechselnd in den Sattel. Hier liegen beim aufrechten Sitzen 80 Prozent des Gewichts, sagt sie.

Erfindung aus Bremen: „Freibeik“-Gelenk ist beweglich

Das „Freibeik“-Gelenk ist in drei Richtungen um jeweils 15 Grad beweglich. Nach oben und unten auf der Achse vorne/hinten beweglich und auch zu den Seiten. Zudem kann der Sattel um 15 Grad auf der horizontalen Achse schwenken, die dritte Richtung. Der Fahrer sitzt aber weiter stabil in der Mitte, erklärt Langstädtler. Dadurch kann der Körper die Bewegung in Form der Acht wieder vollziehen.

Durch einfache Gewichtsverlagerung ist die für die Umdrehung der Pedalen nötige Verkürzung und Verlängerung der Entfernung vom Sattel zur Pedale schon zu einem Teil machbar. Zudem wird der Radius beim Schulterblick erhöht, sagt die Fahrradexpertin.

Ihr Hobby Reiten bringt Bremerin auf Idee für Sattelgelenk

Iris Langstädtler ist gelernte Einzelhandelskauffrau, Fachbereich Zweirad, und betreibt zusammen mit ihrem Mann, einem Zweirad-Mechaniker-Meister, ein Fahrradgeschäft in Sebaldsbrück. Auf die Sattel-Idee kam sie jedoch nicht nur durch ihren Beruf, sondern auch über ihr Hobby: das Reiten, dabei muss sich der Reiter an die Bewegung des Pferdes anpassen. Und so kam es zu einem Schlüsselerlebnis. Sie fragte, sich, warum der Mensch sich ans Fahrrad anpassen muss statt umgekehrt. Ihre Idee: Der Sattel muss sich mitbewegen. So kam die 59-Jährige aufs Kugelgelenk als Lösung mit Elementen zur Abfederung, das war 2015.

Dann folgte viel Tüftelei. Auf einer Stange sind zur Demonstration sechs Prototypen montiert, die die jahrelange Arbeit an der Idee dokumentieren. Von links nach rechts sind sie nach dem Entstehungszeitpunkt sortiert. Ganz links ist der erste Prototyp zu sehen. Der gibt sehr stark in den drei Bewegungsrichtungen nach. Der nächste Prototyp ist schon fester in der Pufferung. Der dritte Prototyp in der Reihe hat ein Schiebesystem für die Federn, womit man die Federn auf Spannung ziehen konnte – was sie nach kurzer Zeit mit Brüchen quittierten, erzählt die 59-Jährige.

Den vierten Prototyp nennt die Erfinderin auch „Pendelmeter“. Er hat ein sehr großes Kästchen, damit verschiedenste und auch große Federn in ihm Platz finden. „Über ein Gestänge habe ich herausgefunden, wie viel Bewegungsfreiheit und wie viel Federstärke als angenehm empfunden werden und dass unterschiedliche Bewegungsrichtungen unterschiedliche Widerstände erfordern“, sagt sie. „Ingenieure sagten mir, es gibt weltweit kein Pendelsystem, das uns Daten zur Umsetzung liefern könnte.“ Es sei der erste Prototyp gewesen, mit dem Radler angenehm fahren konnten. Mit ihm trat sie 2018 bei der Crowdfunding-Kampagne „Ideen für Bremen“ an und holte den ersten Platz.

Die Erkenntnisse aus dem vierten Exemplar sind in den wesentlich kleineren fünften Prototyp eingeflossen. Der sechste Prototyp sieht dem heutigen Modell schon sehr ähnlich. In einer Vitrine sind verschiedenste Federn und andere Pufferelemente aufbewahrt, mit denen Langstädtler experimentiert hat.

Auftritt in „Höhle der Löwen“

Tochter Carmen (31) erinnert sich an die erste Fahrt mit einem Prototyp, montiert auf einem sehr schlichten Rad. Sie schwärmt vom Fahrgefühl und der guten Durchblutung des Rückens. Die Fahrt sei besser gewesen, als mit ihrem neuen, hochwertigen Rad. Damit hätte sie glatt bis Oldenburg fahren können, erzählt sie schmuzelnd.

Das Sattelgelenk montiert an einem Rad im Fahrradgeschäft der Familie Langstädtler. Dahinter Iris Langstädtler (links) und Tochter Carmen, die die „Freibeik“-Erfindung in der Hand hält.
Das Sattelgelenk montiert an einem Rad im Fahrradgeschäft der Familie Langstädtler. Dahinter Iris Langstädtler (links) und Tochter Carmen, die die „Freibeik“-Erfindung in der Hand hält. © Kowalewski

2021 waren Mutter und Tochter in der Vox-Sendung „Höhle der Löwen“, die in diesem Jahr ausgestrahlt wurde. Sie gewannen Carsten Maschmeyer und Ralf Dümmel als Investoren. Damit wurde die Serienanfertigung möglich – und so ein bezahlbarer Preis von 69,99 Euro.

Rückschläge blieben beim Gang auf den Markt nicht aus: In einem Alugussteil traten Lufteinschlüsse auf. Das Unternehmen musste alle verkauften Exemplare zurückrufen. Das kritische Teil wird nun geschmiedet, wodurch Lufteinschlüsse unmöglich werden, sagt die Erfinderin.

Während des Gesprächs im Sebaldsbrücker Geschäft kommt ein Kunde herein, der gern das Gelenk in der neuen Variante kaufen möchte. Seine Frau, die ein Knieleiden habe, könne nur mit Hilfe des Sattelgelenks fahren. Auf keinen Fall möchte sie darauf verzichten, betont der Ehemann. Das sei kein Einzelfall, so Langstädtler. Im Frühjahr 2023, pünktlich zur neuen Fahrradsaison, soll die überarbeitete Version auf den Markt kommen, auch mit weiteren Optimierungen. Die garantierte Belastbarkeit soll von 100 Kilo in Richtung 150 Kilo steigen. Mehr Infos unter „www.freibeik.com“.

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